Ein kurzer Abriss der Geschichte der Psychologie
1. Von der Seelenlehre zur Wissenschaft
Die
Psychologie
hat
eine
lange
Vorgeschichte.
Schon
in
der
Antike
finden
sich
Überlegungen
zu
Wahrnehmung,
Denken,
Gefühl,
Charakter,
Erinnerung
und
Handeln.
Bei
Platon
und
Aristoteles
wurden
Fragen
gestellt,
die
später
psychologisch
wurden:
Was
ist
Wahrnehmung?
Wie
entsteht
Erkenntnis?
Was
unterscheidet
Erinnerung
von
Vorstellung?
Wie
hängen
Körper
und
Erleben
zusammen?
Über
viele
Jahrhunderte
blieb
die
Psychologie
jedoch
weitgehend
Teil
der
Philosophie,
Theologie
oder
Medizin.
Sie
war
eine Lehre über die „Seele“, nicht im heutigen Sinne eine eigenständige empirische Wissenschaft (1, 2).
Der
entscheidende
Schritt
bestand
darin,
psychologische
Fragen
nicht
mehr
nur
durch
Nachdenken,
Spekulation
oder
Autorität
zu
beantworten,
sondern
durch
systematische
Beobachtung,
Messung
und
Experiment.
Damit
veränderte
sich
der
Charakter
des
Faches
grundlegend.
Psychologie
wurde
allmählich
zu
einer
Wissenschaft
des
Erlebens
und
Verhaltens,
die
ihre
Aussagen
an
Daten,
Methoden und überprüfbaren Befunden ausrichten muss (3, 4).
2. Die naturwissenschaftlichen Voraussetzungen
Im
19.
Jahrhundert
entstand
die
moderne
Psychologie
nicht
aus
dem
Nichts.
Wichtige
Voraussetzungen
kamen
aus
der
Sinnesphysiologie,
der
Medizin,
der
Psychophysik
und
der
experimentellen
Methodik.
Ernst
Heinrich
Weber
und
Gustav
Theodor
Fechner
untersuchten,
wie
körperliche
Reize
und
subjektives
Erleben
miteinander
zusammenhängen.
Fechners
Psychophysik
zeigte,
dass
psychisches
Erleben
unter
bestimmten
Bedingungen
messbar
gemacht
werden
kann.
Damit
war
ein
zentraler
Schritt
getan:
Empfinden, Wahrnehmen und Urteilen konnten experimentell untersucht werden (1, 4, 5).
Ebenso
wichtig
waren
neuropsychologische
und
medizinische
Beobachtungen.
Die
Entdeckung
sprachrelevanter
Hirnareale
durch
Broca
und
Wernicke
sowie
Fälle
wie
Phineas
Gage
zeigten,
dass
psychische
Funktionen
nicht
unabhängig
vom
Gehirn
verstanden
werden
können.
Solche
Befunde
machten
deutlich,
dass
Verhalten,
Persönlichkeit,
Sprache,
Wahrnehmung
und
Handlung
mit
biologischen Grundlagen verbunden sind (5).
3. Wundt und die institutionelle Begründung der Psychologie
Als
Beginn
der
modernen
wissenschaftlichen
Psychologie
wird
häufig
das
Jahr
1879
genannt.
In
diesem
Jahr
richtete
Wilhelm
Wundt
in
Leipzig
das
erste
psychologische
Labor
ein.
Damit
bekam
die
Psychologie
eine
institutionelle
Form
als
experimentelle
Wissenschaft.
Wundt
war
nicht
einfach
der
alleinige
„Erfinder“
der
Psychologie;
vor
ihm
hatten
bereits
viele
Forscher
wichtige
Grundlagen
geschaffen.
Sein
Verdienst
lag
aber
darin,
diese
Entwicklungen
zu
bündeln,
der
Psychologie
ein
wissenschaftliches
Programm
zu
geben
und
sie
an
der Universität als eigenständiges Fach zu etablieren (1, 5).
Wichtig
ist
dabei:
Die
Geschichte
der
Psychologie
sollte
nicht
als
Geschichte
einzelner
Genies
erzählt
werden.
Die
Verselbständigung
der
Psychologie
war
das
Ergebnis
vieler
Entwicklungen:
Philosophie,
Physiologie,
Psychophysik,
Medizin,
Statistik,
Pädagogik
und
experimentelle
Forschung
wirkten
zusammen.
Gerade
diese
Einsicht
schützt
vor
einer
zu
einfachen
Heldengeschichte
des
Faches
(1,
2).
4. Schulen, Strömungen und Irrwege
Im
20.
Jahrhundert
entwickelten
sich
verschiedene
psychologische
Schulen.
Die
Gestaltpsychologie
untersuchte,
wie
Wahrnehmung
zu
geordneten
Ganzheiten
wird.
Der
Behaviorismus
konzentrierte
sich
auf
beobachtbares
Verhalten
und
Lernprozesse.
Die
Psychoanalyse
stellte
dagegen
innere
Konflikte,
Triebe,
Verdrängung
und
Deutung
in
den
Mittelpunkt.
Später
kamen
kognitive
Psychologie,
Sozialpsychologie, Entwicklungspsychologie, Neuropsychologie und viele weitere Teildisziplinen hinzu (1, 2, 5).
Diese
Vielfalt
ist
einerseits
fruchtbar,
andererseits
problematisch.
Nicht
jede
psychologische
Theorie
ist
deshalb
wissenschaftlich
tragfähig,
weil
sie
bekannt
oder
historisch
einflussreich
ist.
Besonders
kritisch
ist
dort
zu
prüfen,
wo
psychologische
Modelle
kaum
operationalisierbare
Begriffe
verwenden,
schwer
widerlegbare
Annahmen
machen
oder
nachträgliche
Deutungen
an
die
Stelle
überprüfbarer Hypothesen setzen. Historische Bedeutung und empirische Tragfähigkeit sind nicht dasselbe.
5. Psychoanalyse: historisch bedeutsam, wissenschaftlich kritisch zu sehen
Die
Psychoanalyse
gehört
zweifellos
zur
Geschichte
der
Psychologie
und
Psychotherapie.
Sie
hat
Begriffe,
Kultur,
Literatur,
Alltagsdenken
und
psychotherapeutische
Traditionen
geprägt.
Dennoch
ist
ihre
wissenschaftliche
Stellung
problematisch.
Viele
klassische
Annahmen
über
Triebe,
Verdrängung,
symbolische
Traumdeutung
oder
ein
verborgenes
psychisches
Bedeutungsgefüge
lassen
sich
schwer
eindeutig
prüfen.
Häufig
besteht
die
Gefahr,
dass
jedes
Verhalten
nachträglich
in
ein
Deutungssystem
eingeordnet
werden kann (2, 6).
Aus
empirisch-verhaltenstherapeutischer
Sicht
ist
deshalb
Zurückhaltung
geboten.
Dass
Menschen
nicht
alles
über
ihre
eigenen
Motive,
Bewertungen
und
automatisierten
Reaktionen
wissen,
ist
unstrittig.
Daraus
folgt
aber
nicht,
dass
man
ein
psychoanalytisches
Unbewusstes
mit
verborgenen
Trieben
und
symbolischen
Botschaften
annehmen
muss.
Wissenschaftlich
präziser
ist
es,
von
automatisierten
Prozessen,
Lernerfahrungen,
Aufmerksamkeit,
Gedächtnis,
Reiz-Reaktions-Verknüpfungen,
impliziten
Bewertungen
und Verhaltensmustern zu sprechen.
6. Die kognitive Wende und die Rückkehr innerer Prozesse
Der
Behaviorismus
hatte
den
Vorteil
methodischer
Strenge:
Er
verlangte
beobachtbare
Daten
und
experimentelle
Kontrolle.
Sein
Nachteil
bestand
darin,
dass
er
innere
Prozesse
zu
sehr
ausblendete.
Mit
der
kognitiven
Wende
rückten
Wahrnehmung,
Aufmerksamkeit,
Denken,
Gedächtnis,
Sprache,
Problemlösen
und
Entscheiden
wieder
stärker
in
den
Mittelpunkt.
Anders
als
in
spekulativen
Seelenlehren
wurden
diese
Prozesse
jedoch
experimentell
untersucht:
über
Reaktionszeiten,
Fehlerraten,
Gedächtnisleistungen, Blickbewegungen, neuropsychologische Befunde und später bildgebende Verfahren (1, 2).
Diese
Entwicklung
ist
für
eine
moderne
Psychotherapie
besonders
wichtig.
Verhaltenstherapie
ist
heute
nicht
bloß
Reiz-Reaktions-
Psychologie.
Sie
berücksichtigt
Gedanken,
Gefühle,
Bewertungen,
Körperreaktionen,
Aufmerksamkeit,
Erinnerung
und
Handlungskontrolle.
Der
entscheidende
Punkt
bleibt
aber:
Diese
Konzepte
müssen
so
klar
beschrieben
werden,
dass
man
mit
ihnen
arbeiten, sie überprüfen und therapeutische Veränderungen nachvollziehbar machen kann.
7. Psychologie und Ideologie
Die
Geschichte
der
Psychologie
zeigt
auch,
dass
Wissenschaft
nicht
außerhalb
gesellschaftlicher
Bedingungen
steht.
Psychologie
wurde
in
verschiedenen
politischen
Systemen
genutzt,
gefördert,
verzerrt
oder
ideologisch
eingeordnet.
Die
Geschichte
der
Psychologie
im
Nationalsozialismus
und
in
der
DDR
zeigt,
dass
fachliche
Begriffe,
Diagnostik,
Institutionen
und
Forschung
nie
völlig
unabhängig von Macht, Politik und gesellschaftlichen Interessen sind (7, 8).
Gerade
deshalb
braucht
Psychologie
eine
klare
wissenschaftliche
Ethik.
Sie
darf
sich
nicht
als
bloße
Autorität
verstehen,
die
Menschen
normiert
oder
in
ideologische
Raster
presst.
Psychologie
muss
ihre
Begriffe
prüfen,
ihre
Methoden
offenlegen,
ihre
Grenzen
benennen
und ihre Aussagen an Befunden messen. Wo Psychologie ihre kritische Selbstprüfung verliert, kann sie zur Weltanschauung werden.
8. Warum diese Geschichte für Psychotherapie wichtig ist
Die
Geschichte
der
Psychologie
ist
nicht
nur
ein
akademisches
Thema.
Sie
erklärt,
warum
moderne
Psychotherapie
auf
wissenschaftliche
Prüfung
angewiesen
ist.
Patienten
sollen
nicht
von
der
Überzeugungskraft
eines
Therapeuten,
von
Schulenmythen
oder
von
beeindruckend
klingenden
Deutungen
abhängig
sein.
Sie
haben
Anspruch
auf
nachvollziehbare
Erklärungsmodelle,
transparente Methoden und überprüfbare therapeutische Schritte.
Aus
meiner
Sicht
folgt
daraus
eine
klare
therapeutische
Haltung:
Psychotherapie
muss
ernsthaft,
menschlich
zugewandt
und
zugleich
wissenschaftlich
nüchtern
sein.
Sie
darf
psychisches
Leiden
nicht
mystifizieren.
Sie
sollte
erklären,
wie
Beschwerden
entstehen,
wodurch
sie
aufrechterhalten
werden
und
welche
konkreten
Schritte
Veränderung
ermöglichen
können.
Gute
Psychotherapie
braucht
keine
spekulative
Tiefe,
sondern
präzises
Verstehen,
saubere
Diagnostik,
methodische
Klarheit
und
eine
überprüfbare
Arbeit
am
Problem.
Quellen
1
.
Eckardt, G. (2010). Kernprobleme in der Geschichte der Psychologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften.
2
.
Lück, H. E. (2009). Geschichte der Psychologie. Strömungen, Schulen, Entwicklungen (4., überarbeitete Aufl.). Kohlhammer.
3
.
Hecht,
H.,
&
Desnizza,
W.
(2012).
Psychologie
als
empirische
Wissenschaft.
Essentielle
wissenschaftstheoretische
und
historische
Grundlagen. Springer Spektrum.
4
.
Herzog, W. (2012). Wissenschaftstheoretische Grundlagen der Psychologie. Springer VS.
5
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Die Geschichte der Psychologie: Eine Zeitreise. Zeitleiste zur Psychologiegeschichte.
6
.
Pritzel, M. (2016). Die akademische Psychologie: Hintergründe und Entstehungsgeschichte. Springer.
7
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Wieser, M. (Hrsg.). (2019). Psychologie im Nationalsozialismus. Peter Lang.
8
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Schönpflug,
W.,
&
Lüer,
G.
(2011).
Psychologie
in
der
Deutschen
Demokratischen
Republik:
Wissenschaft
zwischen
Ideologie
und
Pragmatismus. VS Verlag für Sozialwissenschaften.